Vorbilder verzweifelt gesucht


Der ESA-Astronaut (Dr. Reinhold Ewald) und der Frankfurter Pfarrer Nulf Schade-James im Gespräch mit Marc-Christian Ollrog (F.A.Z.).

Ollrog: Willkommen aus der Frankfurter Fußball-Arena, wo normalerweise Zehntausende ihren Idolen zujubeln. Heute ist das Stadion leer, und wir wollen uns fragen: „Wem sollten wir eigentlich zujubeln? Wer sollte Vorbild sein für die jungen Menschen unserer Gesellschaft? Und brauchen wir überhaupt Vorbilder?“ Unser Thema heißt deshalb: „Vorbilder verzweifelt gesucht“.

Herr Dr. Ewald, Sie sind ein großer Fußballfan, und für Sie als Rheinländer liegt das auch nahe. Wir sehen hier in dieser beeindruckenden Kulisse, dass für den Profifußball wirklich kein Aufwand groß genug ist, um beispielsweise den Rasen zu unterhalten. Sollten Fußballer wirklich Idole für unsere jungen Menschen sein?

Ewald: Da muss man natürlich unterscheiden zwischen der Inszenierung, wenn hier die Schnippsel fliegen, die Musik lautgedreht wird und dann wie beim Triumphmarsch die Mannschaften einmarschieren, und den Ambitionen des einzelnen Fußballers. Und da können Fußballer durchaus Vorbilder sein. Sie können zeigen, dass man mit Training, Beharrlichkeit und mit einem gewinnenden Charakter – es ist schließlich ein Mannschaftssport – etwas erreichen kann. Ob das jetzt bei einem 18-Jährigen zum Idol reicht, das wage ich nicht zu beurteilen, denn das ist eine sehr schwierige persönliche Entwicklung, unter den Augen so vieler seine Charaktereigenschaften zu auszubilden.

Ollrog: Wer waren Ihre Vorbilder, als Sie jung waren?

Ewald: Wir hatten natürlich auch Fußballer, das ist klar, aber ich habe denen in ihrem Lebensstil nicht nachgeeifert. Günter Netzer kommt mir da sicher in den Sinn. Meine Vorbilder sind eher die Leute, die sich durch den Erfolg in ihrem Umfeld, in ihrem Leben und in ihrem Beruf die Achtung anderer erworben haben. Heute würde man da von positivem Feedback sprechen. Das trifft sicher auf meinen Vater zu, der ein Schulleiter war, und auch später noch kamen Leute auf mich zu und sagten, dass sie dort gerne die Schule besucht haben und viele Anregungen mitgenommen haben. Auch der ein oder andere Lehrer, der einen guten Unterricht macht, konnte ein Vorbild sein. Also wirklich lokale Personen, und nicht die abgehobenen Stars, an die man nur durch teure Konzertkarten herankam, sondern Leute, die relativ praktisch ihren konsequenten Lebensweg mit Anerkennung und Erfolg gegangen sind.

Ollrog: Herr Schade-James, welche Vorbilder haben Sie geprägt?

Schade-James: Zunächst einmal in den jungen Jahren natürlich mein Vater und meine Mutter. Später dann auch der Pfarrer in der Gemeinde, der für mich immer eine Respektsperson und so etwas wie der liebe Gott war, da man ihn sehen konnte und die Art und Weise, wie er aufgetreten ist, mich als Kind sehr beeindruckt hat. Ich hatte auch Zarah Leander als Vorbild, da ich nicht nur Pfarrer bin, sondern auch sehr gerne singe und es immer faszinierend fand, mit welcher Stimme diese Frau ihre Sehnsucht ausgedrückt hat. Das war für mich sicherlich auch ein Vorbild. Abgesehen von ihrer Geschichte, die jetzt nicht unbedingt so vorbildlich war.

Später sind dann Menschen dazugekommen, die gewaltfrei Widerstand geleistet haben, die fand ich sehr beeindruckend. Beispielsweise Dietrich Bonhoeffer als jemand, der im Gefängnis mit dem Wissen, dass der Tod auf ihn wartet, ein Gedicht geschrieben hat wie „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag“. Das fand ich absolut phänomenal.

Ollrog: Wie haben Ihnen denn diese Vorbilder geholfen Ihren Weg zu gehen?

Schade-James: Das ist eine ganz schwierige Frage, denn eigentlich haben sie mir erst einmal nicht geholfen, denn mein Weg war ja nicht unbedingt ein Weg, der ganz normal nach dem Muster verlief: Du wirst geboren, du wächst in einer Familie auf und entscheidest dich dann für einen Beruf und studierst. Ich hatte, als ich jung war, ganz viele Auseinandersetzungen mit mir selbst darüber, welchen Weg ich gehen wollte, und dabei halfen mir sicherlich nicht diese Vorbilder, weder Pfarrer noch Vater oder Mutter. Da waren es eher Leute, die ich aus den Medien her kannte, Rosa von Praunheim war für mich beispielsweise ein Vorbild oder Frank Ripploh, der sich in den Siebzigerjahren geoutet und einen Film gedreht hat. Davon war ich völlig fasziniert und dachte: „Mein Gott, du bist ja doch nicht alleine auf der Welt. Da gibt es tatsächlich noch andere Menschen!“

Ollrog: Da darf ich den Zuschauern vielleicht erklären, dass Sie Pfarrer in Frankfurt sind und einer der ersten Pfarrer in Deutschland waren, der mit einem Mann verheiratet ist. Ich darf Sie dazu anschließend fragen, wie es denn die Gemeinde aufgenommen hat, als sie erfahren hat, dass Sie offen homosexuell leben?

Schade-James: Das war natürlich ein weiter Schritt. Als ich in die Gemeinde kam, war ich schon so gefestigt, dass ich im Grunde wusste, was ich wollte. Ich hatte vielleicht den großen Vorteil, dass ich vor 23 Jahren mit einer Pfarrerin in die Gemeinde gekommen bin. Eine Studienkollegin und ich haben damals entschieden, dass wir uns die Stelle teilen wollen. Wir wollten beide zunächst nicht voll arbeiten, ich wollte beispielsweise noch etwas im Theater machen, und deshalb kamen wir zu zweit. Natürlich haben da zunächst alle geglaubt, dass wir das neue Pfarrerehepaar sind, obwohl wir immer gesagt haben, dass wir zusammen arbeiten und zusammen leben, aber durchaus getrennte Beziehungen haben.

Als es dann herauskam, war es zu spät. Es war zu spät für diejenigen, die gesagt hätten, dass ein Schwuler kein Pfarrer sein kann. Sie hatten schon gesehen, dass es funktionieren kann, dass es ein guter Pfarrer war, der den Menschen zugewandt war, und damit war es im Grunde vorbei. Ich habe in der Gemeinde nie Ablehnung erfahren, jedenfalls wurde so etwas nie offen an mich herangetragen. Mit Sicherheit wurde darüber geredet, aber es wurde nie mit mir geredet. Nein, ich habe keinen Widerstand erlebt.

Ollrog: Herr Dr. Ewald, viele sehen Sie als Vorbild, Sie haben die Welt von oben gesehen. Relativieren sich aus dem Weltall gesehen mit so großem Abstand die Vorbilderrollen?

Ewald: Ich greife dieses Vorbild auf, aber ich modifiziere es. Wenn ich als der Held angesehen werde, der gerade mit der rauchenden Raumkapsel im Vorgarten aus dem Weltraum zurückkommt, unberührbar ist und die Probleme der Welt sozusagen im Vorbeifliegen löst, das mag ich nicht. Ich glaube aber, dass ich insofern authentischer über das berichten kann, was ich von oben gesehen habe, als jemand der diese Über- und Aussicht nicht bekommen hat. Und das nutze ich aus. Ich nutze es durchaus zu sagen, dass sich der globale Zusammenhang viel unmittelbarer erschließt, wenn man die Erde in 90 Minuten umrundet, als wenn man lange Strecken mit einem Flugzeug fliegt. Ich bin dann später in die USA geflogen, und das zieht sich ja endlos, wenn man über Labrador reinkommt, bis man endlich bewohntes Gebiet unter sich hat, und eine halbe Stunde später hat man immer noch dieselbe Landschaft unter sich. Für uns war das eine Sache von drei Minuten.

Und wenn ich davon erzähle, dann erschließt sich das Globale auch den Zuhörern, gerade den jungen Zuhörern, die vielleicht noch so ein bisschen in der Kirchturmpolitik drinstecken und sagen, dass der Einfluss dessen, was sie machen, nicht über 100 Kilometer Umkreis hinausgeht. Doch, geht er! Und das können wir mit der Raumfahrt und den Erzählungen der Raumfahrer sehr gut rüberbringen. Da nehme ich den Vorbildcharakter gerne an.

Ollrog: Und wie gehen Sie damit um, wenn Sie Autogramme schreiben sollen, wenn Sie zu Vorträgen eingeladen werden, wenn Sie überhöht werden? Also all das, was zum Vorbildsein dazugehört.

Ewald: Da bin ich natürlich Gott sei Dank anders gelagert als ein 18-Jähriger, der – wie man es heute nennt – seinen Moment of Glory hat, durch irgendwelche Entertainer, die einen auf die Bühne schieben und entweder zerreißen oder hochjubeln. Ich habe ja einen ordentlichen Beruf gelernt und bin nicht zum Raumfahrer geboren. Ich habe Physik studiert, habe mich durch Dispute durchbeißen müssen, habe gemerkt, wo ich schwach bin und nachlegen muss. All das habe ich eigentlich auch in die Raumfahrt mitgenommen.

Ich kann damit umgehen, dass mir Leute Respekt entgegenbringen und Fragen stellen, aber ich möchte nicht zum Heroen hochstilisiert werden. Ich ziehe das Jackett aus, krempele die Ärmel hoch und sage „Kommt, wir machen ein Seminar. Was sind eure Fragen? Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, warum eine Rakete so viel Treibstoff verbraucht, um da hochzufliegen, und warum der Mond noch in der Umlaufbahn ist, obwohl er so weit von der Erde entfernt ist, und was das für unsere Möglichkeiten, das Weltall zu erkunden, bedeutet?

Ollrog: Herr Dr. Ewald, Sie haben drei Kinder. Wenn Sie jetzt einmal vergleichen, wer für sie Vorbild war und wer für Sie Vorbild war, sehen Sie da Veränderungen?

Ewald: Ich bin froh, dass meine Kinder eine ähnlich kühle oder pragmatische Einstellung zu Vorbildern haben, wie ich sie auch bei mir gerne gesehen habe. Ich musste sie nie von irgendwelchen Konzerten abholen, wo sie atemlos den Teeniestars zugejubelt haben – egal, ob die gute Musik machen oder nicht.

Natürlich weiß ich auch um meine Vorbildrolle für meine Kinder, und damit muss man verantwortungsvoll umgehen. Ich lasse sie sich natürlich selber Vorbilder suchen. Mein Sohn studiert inzwischen Philosophie, der hat natürlich die Palette der Vorbilder von den Naturwissenschaften zu Autoren und Philosophen erweitert, was auch für mich eine ganz neue Welt ist, wenn wir ins Gespräch kommen. Da gibt es also Neues, es ist keine Wiederholung des Ewiggleichen.

Ollrog: Herr Schade-James, in Ihrer Gemeinde ist eine Mehrheit der Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft, was gibt es da für Vorbilder?

Schade-James: Naja, in der Gemeinde selbst sind sie schon mehrheitlich Deutsche, denn es gibt ja nicht so viele ausländische evangelische Gemeindemitglieder.

Ollrog: Aber Sie sind auch sehr offen für Kinder anderen Glaubens und stellen eine offene Tür zur Verfügung.

Schade-James: Das stimmt.

Ollrog: Und wer ist da als Vorbild anzutreffen?

Schade-James: Das hängt – um es jetzt vorsichtig zu sagen – davon ab, welche Bildung sie haben. Sagen wir es mal so: Die Hauptschüler haben andere Vorbilder als die Gymnasiasten. Und bei den 13-, 14- oder 15-Jährigen hat das dann viel mit diesem Stadion hier zu tun. Die Eintracht ist für die ein absolutes Thema, aber auch die Stars aus dem Fernsehen, da hängen sie an den Lippen und kommunizieren auch untereinander darüber. Das sind schon Vorbilder.

Und diejenigen, die eher den Weg eines Bildungsbürgers einschlagen, die haben dann schon andere Vorbilder. Im Übrigen sind es wenig Politiker, was mir auch wirklich zu schaffen macht, dass die Jugendlichen sich überhaupt nicht für Politik interessieren, sondern eher unpolitisch sind. Es ist ihnen egal, was die Politik macht. Also das, was wir in den Achtzigern mal gelebt haben, dass wir auf die Straße gegangen sind und gegen die Raketen demonstriert haben, dass wir uns in Bonn versammelt haben, das interessiert die überhaupt nicht.

Ewald: Da haben wir uns dann vermutlich schon einmal gesehen.

Schade-James: Ja, wahrscheinlich haben wir uns da schon einmal gesehen.

Ewald: Das lief damals natürlich auch über die Emotionen, über den Wunsch, die Welt weiterzubringen, und dann hat man sich natürlich auch mit einer Person identifiziert. So ganz unpolitisch ist die Gesellschaft heutzutage aber nicht, es wäre ja schlimm, wenn wir keine Kommunalpolitiker und Landtags- oder Bundestagsabgeordneten mehr fänden. Aber es ist schwierig, weil das Materielle heute so einen breiten Raum einnimmt.

Ollrog: Das deckt sich tatsächlich auch mit einer aktuellen Umfrage unter 1.000 Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren. 65 Prozent haben dort ihre Eltern als Vorbilder genannt und danach kam lange nichts. Mit einem kleinen Abstand kamen noch Freunde, und Politiker lagen mit nur elf Prozent Zustimmung weit hinten. Was sagt das aus?

Ewald: Naja, ich warne aber immer davor, die in eine Wurfbude zu stellen und mit Bällen auf sie zu werfen. Das sind ja Leute, die – ähnlich wie auch wir – etwas bewegen wollen. Manche greifen sicher auch ab, aber die Mehrzahl ist da sicher aus ehrlichen Motiven.

Schade-James: Das hoffe ich immer. Ich hoffe, dass Politiker und Politikerinnen wirklich aus guten Absichten handeln und nicht nur aus der Absicht, prominent zu sein. Manchmal werde ich den Verdacht nicht los, dass sie Letzteres tun, und leide da sehr.

Ich finde zum Beispiel in diesem Land, wo wir wirklich nicht nur Christen und Christinnen haben, sondern auch Juden und Jüdinnen, Buddhisten und Buddhistinnen und viele Muslime, da gehört es sich einfach, dass eine Kanzlerin zum Ramadan aufsteht und den Menschen einen fröhlichen oder gesegneten Ramadan wünscht, genau wie sie gesegnete Weihnachten wünscht. Und wenn es nicht die Kanzlerin ist, dann eben der Bundespräsident. Ich vermisse da etwas.

Ollrog: Das ist ein gutes Stichwort. Wir haben ja gerade einen Bundespräsidenten erlebt, der wegen möglicher Vorteilsnahme zurücktreten musste. Das könnte auch ein Schlaglicht darauf werfen, warum die Politiker nicht sehr hoch in der gesellschaftlichen Gunst stehen. Da kann man ja auch über eine Krise der demokratischen Institutionen sprechen. Das ist für die Gesellschaft aber aus meiner Sicht langfristig schädlich. Brauchen wir nicht mehr Vorbilder als Popstars aus dem Fernsehen?

Schade-James: Ich glaube auch, dass wir Astronauten und Pfarrerinnen und Pfarrer brauchen, die ein vorbildliches Leben führen. Für mich geht es darum: Wenn ich im Gallus aus dem Pfarrhaus trete, dann habe ich eine Vorbildfunktion für die Menschen, denen ich da begegne. Das heißt, wenn ich sonntags über die Liebe predige, dann muss man es mir auch anmerken, dass ich ein von Gott geliebter Mensch bin, der Liebe hat. Und wenn ich mit einem griesgrämigen Gesicht durch die Welt laufe, dann stimmt es irgendwo nicht, dann kann ich da nicht Vorbild sein. Es muss ja eine Auswirkung haben, dass ich Christ bin.

Ich sage den Menschen am Ende des Gottesdienstes, wenn sie die Kirche verlassen, manchmal: „Lächelt viel! Denn wenn ihr lächelt, dann merkt man, dass ihr Christen und Christinnen seid!“ Das ist unsere Aufgabe im Leben. Nicht unbedingt nur zu lächeln, aber das Positive herauszuheben und die Liebe, die wir haben, zu zeigen und nicht für sich zu behalten, sondern sie auszuteilen!

Ewald: Also mit dem Lächeln haben Sie mich auf Ihrer Seite. Ich denke, die beste Botschaft, die ich einem Hörsaal voller Raumfahrinteressierter geben kann, ist die, dass es Spaß macht. Dass es nach erreichter Leistung und viel Lernen und viel Mühe einfach Spaß macht, diesen Erfolg zu sehen. Und genau das sehe ich dann auch bei vielen Teams, die ich im Lauf der Jahre an der Universität anleiten konnte. Ich kann jungen Hochschulabsolventen, die fragen, wo sie in Luft- und Raumfahrt unterkommen können, versprechen, dass sie Erfolgserlebnisse und Spaß an der Sache haben werden. Und das bringt dann auch das Lächeln, dafür muss immer Zeit sein.

Ollrog: Wir sind jetzt im Stehblock des Stadions angekommen, wo sonst die Eintrachtfans hin- und herhüpfen und so manchen Erfolg feiern. Ein weiter Schwenk zur Wissenschaft. Was können junge Leute aus der Wissenschaft an Gewinn für ihr Leben ziehen, was haben Sie persönlich aus der Wissenschaft gewonnen?

Ewald: Naja, ein Stehblock ist ja sozusagen ein Einstieg in die Fankultur, in das Verbundensein mit einem bestimmten Verein. Jugendliche können sich ja normalerweise keine teuren Sitzplätze leisten.

Ich würde sagen, dass so auch die Wissenschaft eingeführt werden muss. Man muss früh Interesse erzeugen, damit junge Menschen und vor allem auch junge Frauen sich mit Wissenschaft beschäftigen. Da haben wir bisher keinen guten Job gemacht. Es wird aber besser, wir kommen auch in den Anfängerzahlen des Maschinenbaustudiums, des Ingenieurwesens oder bei Physik, Biologie und Chemie in Bereiche, dass sich auch mehr Frauen für ein solches Studium und später den Beruf entscheiden.

Das ist für mich aber immer ein 10-Prozent-Effekt. Wir haben zum Beispiel das School-Lab, ein Laboratorium, wo Weltraumexperimente mit Neunt- oder Zehntklässlern gemacht werden. Und ich bin davon überzeugt, dass zehn Prozent dieser Schüler durch diesen einen Tag, an dem sie sehen, wie Wissenschaft gemacht wird, und welche Elemente man zusammenhaben muss, damit das Ganze funktioniert, Spaß daran finden und bleiben. Und das versuchen wir natürlich auch durch das Vorbild des Astronauten zu bewegen. Dass wir nicht sagen „Vergesst es, das kann nur ich!“, sondern dass wir sagen „Schaut mal, das ist mein Lebensweg gewesen und mit vielen kleinen Schritten habe ich Erfolg gehabt und für mich persönlich viel gewonnen. Könntet Ihr das nicht auch machen?“ Und so verbindet sich das. Wissenschaft ist natürlich in vielem abschreckend, irgendwas mit Medien ist ja viel attraktiver geworden.

Ollrog: Herr Schade-James, warum sollte Jesus ein Vorbild sein?

Schade James: Mich begeistert dieser Mensch. Er war einer von uns, ein gottbegabtes Menschenkind, und ist ganz konsequent seinen Weg gegangen. Und der Weg, den er gegangen ist, war ein Weg in Respekt und Liebe für die Menschen. Und das hat er beispielsweise deutlich gemacht, indem er gesagt hat: „Lasst die Kinder nicht außen vor, sondern holt sie in eure Mitte.“ Das hat er deutlich gemacht, indem er Frauen in den Mittelpunkt gestellt hat. In einer Gesellschaft, in der Frauen überhaupt nichts zu melden hatten, hat er gesagt, wie wichtig es ist, die Frauen nicht zu vergessen. Er hat sie salben lassen und hat sie verteidigt. Er hat die Händler aus dem Tempel gejagt und gesagt: „Alles hat seine Zeit! Ihr dürft gerne eure Geschäfte machen, aber nicht hier im Haus Gottes.“

Jesus hat durch sein konsequentes Handeln in dieser Welt Beispiel gegeben, wie es sein kann, gemeinsam am Reich Gottes zu bauen. Das ist ja letzten Endes unser Auftrag, den wir aus christlicher Perspektive als Menschen hier auf dieser Erde haben. Gemeinsam am Reich Gottes zu bauen, und das Reich Gottes bedeutet eben ein Reich voller Respekt, Zuwendung und Liebe für die Menschen. Und das verkörpert für mich Jesus. Und als jemand, der in seiner Nachfolge stehen möchte – und deshalb habe ich diesen Beruf ja auch gelernt – habe ich natürlich auch die Verantwortung, in meinem Leben entsprechend zu handeln. Und da bin ich sicher auch Vorbild für andere.

Ollrog: Herr Dr. Ewald, Sie sind ja bekennender Katholik. Reicht dem Menschen das bloße irdische Reich nicht aus, braucht er den Bezug zum Überirdischen und Transzendentalen?

Ewald: Nun, man hat ja die Sozialisation im Glauben. Als Kind habe ich das im Kommunionsunterricht natürlich viel naiver aufgenommen, aber es war ein Rhythmus, es war ein Eingebettetsein über das Jahr hinweg. Wir haben die Feste wie Ostern, Weihnachten und die anderen Kirchenfeste gefeiert, man hatte also Anhaltspunkte und auch geistige Anregungen, die gekommen sind. Das heißt jetzt nicht zwangsläufig, dass die einzelne Messe immer so anregend gewesen ist, und nachher kommt man dann als Student oder junger Mensch auf eine intellektuelle Art und Weise auch wieder mit Kirche in Berührung. Gott sei Dank hatte ich da auch aus den Kirchen sehr gute Anleitungen, die die richtigen Fragen stellten.

Meine Religiosität hat durch den Flug weder Schaden genommen, noch habe ich irgendetwas in dieser Richtung erwartet. Ich glaube nicht, dass man nur weit genug fliegen muss und dann sagen kann „Gott gibt es nicht“. Wir hatten ein Feuer an Bord, mussten also eine gefährliche Situation überstehen, und ich habe da natürlich ein Stoßgebet gesagt. Aber ich habe um Kraft gebetet, um diese Situation zusammen mit meinen ausgezeichneten Kollegen in den Griff zu bekommen, um dann unsere wissenschaftlichen Experimente wieder sicher zur Erde zurückzubringen. Da hätte es mir auch an den Kragen gehen können, aber wir haben alles richtig gemacht, um das Ganze dann aufzulösen. Und am Ende habe ich auch dafür gedankt, dass diese Kraft da war. Ob das jetzt gutes Training war oder eine innere Gelassenheit, dass schon alles gutgehen wird, das ist ja egal.

Und so denke ich, dass Wissenschaft dazu beitragen kann, dieses Staunen und das Überwältigtwerden ein wenig aus der Welt herauszunehmen. Dass man mit Wissenschaft nach und nach Fragen beantworten kann, ohne aber Gott vollkommen wegzudrängen. Da ist noch immer genug, und ob es jetzt ein Vorbild in kirchlicher Hinsicht ist, wo dann Jesus vorgestellt wird, oder ob der Wissenschaftler sagt, dass man nicht an Wunder glauben muss, sondern Dinge auch anders lösen kann, das sind gute Wege, um Menschen auch zu Taten zu veranlassen.

Ollrog: Also lässt selbst der wissenschaftliche Fortschritt auch noch Raum für den Glauben?

Ewald: Raum für den Glauben ja, aber nicht für den Wunderglauben. Es ist einfach eine verbreitete Angst, dass man sich bestimmte Zusammenhänge in der Welt nicht erklären kann und deshalb auf den weißen Ritter oder den Salvator wartet, der einen da rausholt. Die Aufforderung ist aber, den eigenen Grips anzustrengen, ins Leben zu gehen und das eigene Leben zu gestalten. Dann kommt man auch weiter. Da kommt nichts und sagt uns, wo es lang geht! Das ist etwas, das Wissenschaft, aber auch geistliche Begleitung, leisten kann. Dass man diesen Gedanken doch positiv in Bildung, Ausbildung, Taten und Gestalten umsetzt.

Ollrog: Anfang der Sendung haben wir die Frage gestellt, ob wir überhaupt Vorbilder brauchen, oder ob sie nicht im Grunde überflüssig sind. Was ist Ihre Position dazu, Herr Dr. Ewald?

Ewald: Ich denke ein hundertprozentiges Vorbild gibt es nicht, das wäre auch schädlich, denn das Imitieren eines Lebenslaufs bringt ja die natürlichen Fähigkeiten und die Verschiedenheit eines Charakters gar nicht zum Vorschein. Wir brauchen Vorbilder, aber eher eine Mixtur von Vorbildern. Im beruflichen, im karitativ-sozialen und vielleicht auch im familiären Umfeld, damit man sich da bestimmte Verhaltensweisen von Menschen anschauen kann und entscheiden, ob diese passen und man sie in den eigenen Lebensweg einbauen will. Das sklavische Anhängen an einen Lebenslauf schadet eher, als dass es nützt, aber die richtige Mischung dieser Dinge, die macht es dann. Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich manchmal auch einen kleinen Impuls im Lebensweg junger Menschen gebe.

Ollrog: Herr Schade-James, was antworten Sie Menschen, die den Wert von Vorbildern bestreiten.

Schade-James: Ich glaube, dass wir Vorbilder so wie Sie sie eben beschrieben haben brauchen. Wenn es Vorbilder nicht gibt, dann haben wir keine Wegweiser. Für mich sind Vorbilder immer Menschen, die sagen: „Wenn du diesen Weg so einschlägst, dann kann dies und jenes in deinem Leben passieren. Hab den Mut diesen Weg zu gehen!“ Vorbilder also als Mutmacher, und so habe ich sie auch für mein eigenes Leben erlebt. Zu spüren, dass kein Blitz vom Himmel kommt und mich erschlägt, wenn ich einen bestimmten Weg gehe, weil andere Menschen diesen Weg auch schon gegangen sind und das ausprobiert haben.

Ollrog: Über Ihren persönlichen Lebensweg haben wir jetzt schon einiges erfahren. Sie sind als schwuler Pfarrer in eine Gemeinde gekommen. Taten Sie sich anfangs schwer damit, sich als Vorbild zu fühlen oder diese Rolle zu füllen?

Schade-James: Naja, ich musste erst einmal selber damit klarkommen, was es bedeutet. Ich habe mir das ja nicht ausgesucht. Ich habe mir natürlich diesen Beruf ausgesucht – und das schon mit dreizehn Jahren. Aber dann plötzlich zu merken, dass man anders gepolt ist und einen anderen Weg geht, das war schon nicht so einfach. Auch da gänzlich ohne Vorbilder aufzuwachsen.

Und heute ist es durchaus so, dass ich an dieser Stelle Vorbild sein möchte, indem ich als schwuler Christ und schwuler Pfarrer in der Gemeinde arbeiten und in der Öffentlichkeit stehen kann, weil ich ein vorbildliches Leben führe, was beispielsweise das Leben mit meinem Mann im Pfarrhaus bedeutet.

Ollrog: Wie geht das denn? Wie ist man da Vorbild?

Schade-James: Naja, indem man mutig weitergeht und sich nicht verbiegt. Man muss ehrlich und authentisch bleiben und nicht sonntags Wasser predigen und Wein saufen, so etwas geht gar nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass alle beobachten, wie die beiden Schwulen miteinander umgehen und ihr Leben miteinander gestalten. Und mir ist wichtig, anderen zu zeigen, dass wir ein ganz normales Leben führen, wie jeder Hetero auch.

Wir haben vor acht Jahren noch einen Sohn dazubekommen, den wir ins Pfarrhaus aufgenommen haben, und dann waren wir im Grunde eine kleine Familie. Und da schauen natürlich alle darauf und fragen sich, wie der Pfarrer lebt, wie er arbeitet, was er predigt und ob sein Leben mit dem, was er sonntags predigt, übereinstimmt.

Ewald: Diese Übereinstimmung zwischen dem, was ein Vorbild abbildet, und dem, was dann wirklich passiert und was dieses Vorbild tut, finde ich auch ganz wichtig. Ein Trainer, der hier keine asketische Lebensweise vorlebt, der wird nie Einfluss auf seine Spieler haben, dass die es gleichermaßen tun. Auftreten nach dem Motto „Ich kann das schon, ich brauche es nicht mehr“, das zieht natürlich im Hochleistungssport, aber auch in anderen anspruchsvollen Lebensbereichen nicht mehr.

Ollrog: Wie geht man denn damit um, wenn Vorbilder ihrer Funktion nicht immer gewachsen sind? Vielleicht haben Sie es ja auch selber mal erlebt, dass Sie das Gefühl hatten, sich in einer Situation nicht gut verhalten zu haben. Was macht man danach?

Schade-James: Als Christ hat man da eine gute Möglichkeit. Wir haben einmal den Begriff der Demut, wo man einfach auch sagen kann: „An dieser Stelle bin ich nur Mensch, da bin ich fehlbar und gescheitert. Ich gestehe aber, dass ich gescheitert bin.“ Das ist genau das, was ich in der Welt oft vermisse, dass die Menschen, die Fehler machen, das nicht mutig zugeben und einfach Besserung geloben.

Und dann haben wir noch die Vergebung. Das ist ja auch ein Aspekt, der ganz wichtig ist. Wir Menschen sind nie perfekt, und wir werden Fehler machen. Und an dieser Stelle den Fehler zuzugeben, ihn im Gegenzug aber auch zu vergeben, dann kann man auch im Versagen weiter Vorbild sein. Ich finde gerade da, wo ich versage und wo ich dieses Versagen eingestehe, bin ich wieder Vorbild.

Ewald: Das schützt auch vor Bigotterie, die ganz schlimm ist. Wenn man diese Seite des Lebens abschirmen will und sie dann doch herauskommt, dann ist der Jubel groß, dass man wieder eine Entdeckungsstory hat. Da wird das ja nur noch schlimmer. Und Vorbilder sind ja keine Ehe, Vorbilder kann man auch sein lassen und sagen, dass man sich in diesem Vorbild getäuscht hat. Da gibt es eine Dynamik in dem Prozess des Vorbilds und eine kritische Reflexion.

Ollrog: Vielen Dank, Herr Dr. Ewald, vielen Dank, Herr Schade-James. Vorbilder, ein sehr wichtiges Thema im Leben, im Kleinen wie im Großen. Versuchen Sie Ihren Kindern, Ihren Kollegen und wo immer Sie auftreten ein Vorbild zu sein. Und seien Sie wieder dabei bei unserer nächsten Folge von Weltenwandler.