Kompass: Braucht unsere Gesellschaft Vorbilder?


Brauchen junge Menschen überhaupt Vorbilder?

Zwei Drittel von Jugendlichen suchen und finden Vorbilder nur noch im engsten Familienkreis. Vater und Mutter nennen 14- bis 19-Jährige mehrheitlich als Idole, gefolgt von Geschwistern und Freunden. Im öffentlichen Raum finden die Jugendlichen hingegen immer weniger Nachahmenswertes. Wenn man an die Skandale der jüngsten Vergangenheit denkt, ist das kein Wunder. Gesellschaftliche Instanzen wie Wirtschaft, Politik und Kirche vermitteln nur noch einem Bruchteil der jungen Menschen moralische Leitbilder. Die genannten Zahlen sind das Ergebnis einer Umfrage des  Deutschen Instituts für Gütesicherung und Kennzeichnung (kurioserweise lautet die Abkürzung RAL)  aus dem Jahr 2010 – also aus der Zeit nach den Skandalen um Missbrauch von Minderjährigen in der katholischen Kirche und Boniexzesse auf Kosten der Steuerzahler in Banken, aber noch deutlich vor den letzten Skandalen um den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff und die Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg. 

Es ist zweifellos wichtig, dass Eltern ihren Kindern zur Orientierung dienen. Aber diese alleine könnten als Vorbilder überfordert sein, befürchtet Pfarrer Schade-James.

Wer kann sonst Vorbild sein?

Viele Menschen können Vorbilder sein in ihrem Handeln, findet Schade-James. Er beobachtet, dass sich Jugendliche je nach Bildungsstand ganz unterschiedliche Vorbilder suchen. Pfarrer und Astronauten haben da einiges mehr bieten als Sternchen aus den Castingshows, die anstrengungslosen Ruhm versprechen. Der ESA-Astronaut Dr. Reinhold Ewald pflichtet ihm bei:  „Man braucht eine Mixtur von Vorbildern für unterschiedliche Lebensbereiche“, sagt er. Im sportlichen Bereich, im privaten Bereich und im persönlichen Bereich könne man sich an unterschiedlichen Menschen orientieren.

Vorbilder, so sind sich Schade-James und Ewald einig, findet man selektiv und für einzelne Aspekte, selten als pauschales Vorbild für das ganze Leben. „Einen Lebensentwurf einfach nur kopieren zu wollen, wäre nicht gut“, findet Ewald.

Wofür sind Vorbilder gut?

Für Schade-James sind Vorbilder so etwas wie „Wegweiser und Mutmacher“, keine Abgötter, denen man blindlings folgen sollte. Auch helfen Vorbilder nicht oder zumindest nicht unmittelbar dabei, den eigenen Weg zu finden. Das muss man schon selbst tun. „Es kommt kein weißer Ritter, der einem in Krisensituationen hilft“, sagt Ewald.

Vorbilder sollte man also nicht überhöhen. Man kann sie suchen, sollte sie überprüfen und kann sie auch wieder sein lassen, schlägt Ewald vor. „Wenn man nämlich herausfindet, dass man sich geirrt hat“.

Braucht man überhaupt Vorbilder?

Vielleicht brauchen nicht alle Menschen Vorbilder als Wegweiser für sich. Manche mögen stark und innerlich gefestigt genug sein, in sich selbst Werte und Standards zu fühlen. Für die allermeisten dürfte dies aber nicht zutreffen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das nach Orientierung strebt und sich an anderen Menschen orientiert. Zumindest zu manchen Zeitpunkten benötigen sie Bestärkung. Dies gilt für alle, besonders aber für junge Menschen, die noch ihren Weg finden müssen.

Wie geht man mit der Vorbildrolle um?

Auch Vorbilder sind Menschen, also fehlbar. Schon deswegen sollte man Menschen nicht überhöhen. Zwar nimmt der Astronaut Ewald die Vorbildrolle durchaus an, lehnt aber jegliche Überhöhung ab: Dabei hilft es dem Physiker, dass er einen, wie er sagt, „ordentlichen Beruf“ gelernt hat. Gute Vorbilder überwinden die Distanz und spenden Mut zum Nachmachen, findet er. Und darin sieht er seine Aufgabe. In Seminaren krempelt Ewald die Ärmel hoch und beantwortet Fragen von Schülern und Studenten so unprätentiös wie möglich: „Wie wird man Astronaut? Indem man sich bewirbt“, sagt er.  Die Wissenschaft ist für ihn ohnehin ein die Anstrengungen lohnender Mutmacher: „Man kann das Staunen und Überwältigtwerden ein wenig aus der Welt nehmen.“

Pfarrer Schade-James lebt gemeinsam mit seinem Mann David im Pfarrhaus und zog dort einen Pflegesohn groß. Die Leute achten kritisch auf Vorbilder, insbesondere, wenn diese nicht dem Mainstream entsprechen. Zwar hat er mit seiner Homosexualität in der Gemeinde nie Ablehnung erfahren. „Aber man weiß schon, dass die sich fragen: Wie leben die wohl im Pfarrhaus?“, sagt Schade-James. Er beschloss, selbst ein Vorbild in seinem Verhalten zu sein: Wie das geht? „Indem man ehrlich ist und für das einsteht, was man nach außen auch darstellt.“

Im Fall des persönlichen Versagens plädiert Schade-James für einen offenen Umgang und für Demut: „Man muss sein Scheitern zugeben. Dann kann man sogar im eigenen Versagen ein Vorbild sein.“ Schließlich kennen Christen auch das Prinzip der Vergebung, sagt der Pfarrer.