Welchen Wert hat Kunst in der Gesellschaft?


Ist Kunst nur Opium der Eliten?

Der öffentliche Kunst- und Kulturbetrieb wird hierzulande – anders als in angelsächsischen Ländern –hoch subventioniert, damit jedermann Zugang zu Museen und Bühnen haben soll. Allerdings profitieren dem Anschein nach vor allem die gehobenen und besser gebildeten Schichten von den Angeboten – also diejenigen, die sich den Eintritt ohnehin leisten können. Kunstverständnis setze zumeist Bildung voraus, argumentiert Hirsch und zitiert den bekannten Kunsthistoriker Ernst Gombrich: „Man sieht  nur, was man weiß.“

Löst man mit Kunstbildung demnach also eine Eintrittskarte für höhere gesellschaftliche Schichten? Im (argumentativ begründbaren) Kunstgeschmack zeigen sich durchaus „die feinen Unterschiede“ im Sinne Pierre Bourdieus, findet Seidl. Der geschulte Geschmack und die künstlerischen Vorlieben verrieten viel über die Menschen und ihren Charakter, findet Seidl. Er gibt zu bedenken, dass die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft auch über genügend kulturelles Kapital verfügen sollten, um ihre Handlungs- und Entscheidungsfähigkeiten nachzuweisen.

Sind die Subventionen demnach entbehrlich?

Hirsch spricht sich für den Erhalt gewachsener Strukturen in Opern, Theatern und Museen aus. Gerade im geschützten Umfeld und im künstlerischen Freiraum entstünden „experimentelle Dinge“. Seidl weigert sich, das „Proletariat“ aus der Pflicht zum Kunstkonsum zu entlassen oder zu verschonen. Kunst müsse zugänglich bleiben. Gleichwohl hält er nicht alle Subventionsformen für unantastbar. Er sagt: „Je mehr Geld es gibt, desto furchtbarer.“ Zudem gibt er sich als Freund harter Produktionsbedingungen für Künstler zu erkennen. Insbesondere stellt er die öffentliche Filmförderung und auch die Unterstützung von Bühnen gemessen an der Summe der Unterstützung und ihrer gebotenen Leistung in Frage. 

Unter welchen Bedingungen entsteht Kunst?

Man muss den Auftrag als Dreh- und Angelpunkt künstlerischen Handelns begreifen. Wer Kunst also beauftragt, bestimmt die ökonomischen Verhältnisse des von seiner Kunst lebenden Künstlers. Seien es die Gesellschaft in Form von Schulen, Hochschulen und Museen wie erst seit den letzten zweihundert Jahren im Zuge der Professionalisierung der Künstler, der Kritiker und des Kunstdiskurses? Oder seien es wohlhabende Privatleute (wie im bürgerlichen Zeitalter) oder Adel und Klerus wie bis zur Schwelle der Neuzeit. Hiervon hängt maßgeblich ab, wie der Künstler lebt – ob in prekären Verhältnissen am Rande der Gesellschaft oder als Stipendiat reicher Mäzene.

Die heutige Zeit mit einem öffentlich unterhaltenen Kulturbetrieb muss man dabei als historische Sondersituation ansehen. Claudius Seidl ist ein Freund der Fremdbestimmtheit der Künstler und der äußeren Bedrängnisse und Zwänge, die auf die Kunst wirken. Kunst und Leiden liegen schließlich eng beisammen, wie die Leser von Thomas Manns Tonio Kröger wissen. Nur außerhalb des „staatlichen Subventionsgeheges“ entstehe Neues und Bedeutsames, innerhalb der Zäune „Irrelevanz und Harmlosigkeit“, glaubt der Kinoexperte vor allem im Hinblick auf die staatliche Filmförderung.

Kunst und Kommerz  wurden spätestens seit Andy Warhol ein Thema. Als der Graphiker auf die weltweite Kunstbühne trat und das Atelier bzw. Studio zur Factory machte, änderten sich die ökonomischen Verhältnisse. Warhols damals prophetische Ansage, dass künftig  „Jeder für drei Minuten ein Star“ sein solle, ist inzwischen längst wahr geworden.

Seit den Neunziger Jahren hat der Kunstmarkt bzw. die Markt vermarktbare Kunst im Zuge der Deregulierung der Wirtschaft eine sprunghafte Entwicklung gezeigt. So entwickeln sich die Besitzverhältnisse der berühmten Kunstwerke wieder  ein wenig wieder in Richtung vormoderner Zustände, indem schwerreiche Privatpersonen als Käufer auftreten.

Was hat die  Gesellschaft von Künstlern zu erwarten?

Normative Erwartungen mag keiner der Diskutanten an die Kunst richten und sie in dieser Weise in den Dienst der Gesellschaft stellen. Ob Kunst jemals gesellschaftliche Veränderungen getrieben hat? Zumindest ging es immer ganz furchtbar schief, wenn sie dies  versuchte, weicht Seidl ein wenig aus. „Zum Glück“ – im Blick auf kommunistische Agitprop-Kunst oder das futuristische Manifest vor 100 Jahren.

Zuletzt sei „der (gesellschaftliche) Innovationsmotor etwas ins Stocken geraten“, bedingt durch die abnehmende Größe der nachrückenden jüngeren Alterskohorten und die Weigerung der Generation der Babyboomer, aufs Altenteil zu gehen. Künstler stehen nicht außerhalb der Gesellschaft. Da sind sich Hirsch und Seidl einig. Avantgarde sind sie nicht mehr unbedingt. Dennoch haben viele Künstler aber aufgrund der großen genossenen Freiräume eine feine Nase für gesellschaftliche Strömungen. Das  ist indes kein Anspruch, den die Kunst exklusiv erheben könnte. 

Welche Rolle spielt Kunst in der digitalen Welt des  21. Jahrhunderts?

Das Kunstwerk hat das „Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“  (Walter Benjamin) nicht nur mengenmäßig, sondern auch räumlich entgrenzt. Die Folgen der Globalisierung und der Expansion des Kunstsystems, die Hirsch annimmt, sind kaum abzuschätzen. Die Deutungshoheit des Westens lässt durch das zunehmende In-Die-Welt-Treten Asiens nach. In der Kunstwelt vollzieht sich damit möglicherweise eine der Wirtschaftskraft analoge Entwicklung. Die große Zeit einer „verbindlichen Popmusikentwicklung“ und die Zeit der Filme, „die man gesehen haben muss“, könnte vorbei sein, mutmaßt Seidl. Global verständlichen und rezipierbaren Kunstwerken erschließen sich damit völlig neue Ressourcen und Märkte. Nur Kulturpessimisten bemängelten da das „Absterben kleiner Biotope.“