Gesellschaft: Was ist Freiheit?


Mag die Gesellschaftsform noch so freiheitlich angelegt sein, wie es beispielsweise unser Grundgesetz vorsieht. Die Freiheit ist immer, zu allen Zeiten, ein von Gefangenschaft bedrohtes Tier. Entweder ist sie durch unfreiheitliche Staatsformen in Gefahr oder partikulare Kräfte drohen die Freiheitsrechte einseitig zu ihren Gunsten und entgegen den Interessen der Allgemeinheit auszulegen.

So war es zum Beispiel eine Kernforderung der neoliberalen Ideologie, für die Deregulierung und insofern Entfesselung der Märkte einzutreten. Die gewährte Freiheit missbrauchte insbesondere der Finanzsektor in jüngster Vergangenheit zu einer beispiellosen Spekulation. Als diese Wetten platzten, nahm die Finanzwirtschaft die Allgemeinheit in Haftung. Der eigenen Verantwortung für ihr Tun wurde sie damit nicht gerecht. Eine solche Trennung von Freiheit und Verantwortung verstößt massiv gegen die Prinzipien marktwirtschaftlicher Ordnung. Selbst konservative Denker wie F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher haben in der Folge der Skandale ihr Vertrauen in die Fundamente der kapitalistischen Grundordnung verloren. Die Prinzipien von Freiheit und Verantwortung – also Haftung – gehören untrennbar zusammen, sagt Dr. Hildegard Hamm-Brücher. „Der Neoliberalismus ist gescheitert. Er hat seine Bewährungsprobe nicht bestanden.“

Freiheit, Engagement und Wohlstandsgesellschaft

Freiheit gedeiht immer nur dann, wenn sich Einzelne für sie engagieren. Sie ist geradezu ein Resultat des sich Engagierens. In der „reibungslos funktionierenden Wohlstandsgesellschaft“ wird Engagement hingegen mehr und mehr zum „Störfaktor“, sagt Hildegard Hamm-Brücher. Viele Menschen verführen nach der Einstellung: „Was geht’s  mich an? Nur soll’s nicht schlechter werden.“ Das sei schon immer so gewesen, sagt Hamm-Brücher. Gegen diese Trägheit müsse man vor- und angehen. Schließlich, so erinnert sie an den Titel eines ihrer Bücher, sei Freiheit „mehr als ein Wort“.

Woher Hildegard Hamm-Brücher die Kraft nimmt, ihre Meinung auch gegen Widerstände und gegen den Mainstream, zu vertreten – wie etwa 1982, als Sie beim Bruch der sozialliberalen Koalition gegen die rein-parlamentarische Wahl Helmut Kohls gestimmt habe?  „Mut braucht man nicht“, sagt Hamm-Brücher, „denn es kann einem ja nichts passieren. Aber man benötigt etwas Zivilcourage“, sagt die Frau, die, da sie eine jüdische Großmutter hatte, den Holocaust nur unter dem Schutz ihres Doktorvaters überlebte. Die Kraft, immer wieder neu gegen Widerstände anzugehen, finde man dann, wenn die Gelegenheit dies erfordere.  Genau dies sei auch im Grundgesetz so verankert: „Der Abgeordnete ist nur seinem Wissen verantwortlich“, sagt sie.

Binde- und Fliehkräfte der Gesellschaft

Gabriele Scherle, Pröpstin von Rhein-Main hofft, dass die Wirtschafts- und Finanzkrisen eine heilsame Wirkung auf das Sich-Einbringen in die Gesellschaft entfalten. Sie sieht diese auch als „Krisen der Expertokratie“:

Schließlich habe sich klar erwiesen, dass die vermeintlichen Experten die Zukunft auch nicht vorhersehen könnten und im Brustton der intellektuellen Überlegenheit Irrwege vorgeschlagen hätten. Vielmehr hätten diejenigen Menschen recht behalten, die über einen eigenen „inneren Kompass“ verfügten, der moralische Orientierung bietet. Diese sollten Mut aus der Erkenntnis schöpfen, dass ihr Engagement wichtig und entscheidend für das Gemeinwesen sei.

Dabei erwachsen aus der freiheitlichen Anlage der Gesellschaft nicht  nur Rechte, sondern auch Pflichten. Im Grundgesetz steht: „Eigentum verpflichtet“, sagt Gabriele Scherle, die beklagt, dass sich Teile der Gesellschaft vom Dienst  an der Allgemeinheit abgewendet hätten.

Ebenso schlimm findet sie es, wenn junge Menschen den erreichten Lebensstandard für selbstverständlich halten. „Undankbar“, sei das.  Zugleich, so räumt sie ein, seien die jungen Menschen mit der bestehenden, wohlstandsbasierten Handlungs- und Entscheidungsfreiheit aber auch überfordert. Die Pröpstin wünscht sich, dass die jungen Menschen erkennen, dass es oft gut ist, sich für einen Weg zu entscheiden und dass diese Entscheidung einen Freiheitsgewinn und keinen Verlust impliziere. Hier können positive Vorbilder helfen, die auch für kriselnde Institutionen wie Ehe und Kirche werben könnten, glaubt Hildegard Hamm-Brücher.