Digitalisierung: Wie programmierbar ist die Welt?


Unsere Welt ist noch ziemlich analog strukturiert. Manche von uns jedenfalls lesen noch Zeitung. Wir  sind es gewohnt, Dinge schwarz auf weiß und gedruckt festzuhalten. Das wird nicht so bleiben. Bald werden die Maschinen (etwa Autos) anfangen, miteinander zu kommunizieren, und auch die Organisationen werden das bald tun.  Dies wird vieles an Arbeit einsparen und manche Arbeitsprozesse verkürzen bzw. überflüssig machen. Zugleich tauchen mit dem Stichwort Big Data neue Probleme der Datenverwaltung auf. Der Bürger wird durchsichtig und durchschaubar. Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, weist in vielen Beiträgen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung immer wieder auf die Probleme im Umgang mit den Daten und die Notwendigkeit einer digitalen Mündigkeit hin. Es gehe um die Frage: „Was darf der Staat?“

Die Macht der Suchmaschinen und Datenaggregatoren Google und Facebook, sowie deren laxer Umgang mit Kundendaten bzw. deren hemmungslose Datenvermarktung geben genug Anlass, daran zu zweifeln.  Allerdings gibt es auch gute Gründe, an die Selbstregulierung der Menschen etwa im Umgang mit sozialen Netzwerken zu glauben, wie der dreifache Vater Rieger beobachtet. „Junge Menschen geben sich selbst Regeln für den Umgang mit Facebook.“ Wer dagegen verstößt, sei  auch schnell draußen.

Veränderungen der Arbeitswelt

Auch die Arbeitswelt steht vor tiefgreifenden Veränderungen durch die Digitalisierung. Die aktuelle  Situation der Fast-Voll- bzw. Rekordbeschäftigung wiege Deutschland in trügerischer Ruhe, sagt Frank Rieger. „Derzeit kosten die Menschen weniger als die Maschinenarbeit, weil das Lohnniveau so stark gesenkt wurde.“ Sobald sich die Preise für Arbeit flächendeckend erhöhen,  würden auch die Jobs wieder kippen, glaubt er – beruhend auf Beobachtungen in den Niederlanden ableiten zu können. Dort müssten gut ausgebildete Arbeitskräfte im mittleren Qualifikationsbereich bereits zwei Jobs parallel ausüben, um über die Runden zu kommen. Diese Welle, in der die Bürowelt halbautomatisiert würde, rollt nun auch auf Deutschland zu.

Sowohl Gunter Dueck als auch Frank Rieger sind der Meinung, dass der Staat und die Regierenden hier den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben. Sie sind sich jedoch uneinig, wie man mit den Verschiebungen umgehen solle. Während Dueck zukunftsoptimistisch für die Neugründung von Zukunftstechnologien plädiert, die die unaufhaltsame Entwertung der reifenden Technologien auffangen sollen, bezweifelt Rieger, dass etwa in der Nanotechnologie kurzfristig so viele Jobs entstehen werden, wie in den alten Industrien verschwinden werden.

Tütensuppenqualität für Rechner

„Menschen braucht man nur noch für das Innovative, Neue und Kreative – für Gedanken, Ideen und Konzepte auf Fünf-Sterne-Niveau“, für den nicht anspruchsvollen Standard auf dem Niveau einer „Tütensuppe“ hingegen benötigt man im strengen Sinne nur noch eine leistungsstarke Rechenmaschine, argumentiert Dueck. Er selbst ermuntert seine Kinder, zukunftsfroh Dinge auszuprobieren, in Auseinandersetzungen zu treten und seine sozialen Fähigkeiten zu testen. Rieger rät jungen Menschen, ihren gewählten Berufsweg auf dessen digitale Ersetzbarkeit hin zu überprüfen.

Die Berufe der Zukunft werden deutlich komplexer. Sie haben mit Verhandeln, Verkaufen, mit Managen und Projekteleiten zu tun, glaubt Dueck.  Sie sind polyphasig und erfordern ein hohes Maß an Priorisieren und Strukturieren. Da in der digitalen Welt die Datenströme unbegrenzt schnell sind, kommt den eigenen Arbeitstechniken eine erhöhte Bedeutung zu.

Persönliche Arbeitsweise ist gefordert

Was jeder Einzelne mit der Digitalisierung macht, ist am Ende ihm selbst überlassen. Wer sich gegen das Allzeitdauerfeuer, das die ständige Erreichbarkeit über die unzähligen digitalen Kanäle abschirmen und behaupten kann, etwa: indem er einfach mal ausmacht, kann von den Segnungen des Netzes profitieren: davon, dass das Wissen im Handumdrehen verfügbar ist, dass man sich über neue Themen in einer Stunde an jedem Platz der Erde statt wie früher in Tagen beim Suchlauf durch diverse Bibliotheken informieren kann.

Wem dies hingegen nicht gelingt, der versinkt im Chaos und in der Hektik einer ständigen Ad-hoc-Pflicht. Der wird durch den Zwang zur ständigen Erreichbarkeit ablenkbar, unkonzentriert und zerstreut. Der Schlüssel zum erfolgreichen Umgang liegt in einem funktionierenden Selbstmanagement  und der Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Dringendem zu unterscheiden: „Ich bin im Zweifelsfall auch ein Freund des harten Ignorierens“, sagt Rieger. „Was für Dich gerade wichtig ist, muss es für mich nicht sein.“ Allerdings muss man sich dies auch leisten können.

Gunter Dueck schlägt vor, den eigenen Arbeitsrhythmus den Seelenzuständen anzupassen. „Am besten arbeitet man im Flow“, sagt er. Wenn dies gelingt, sind aus seiner Sicht auch weniger Überstunden nötig.  Zu viele Task- und Moduswechsel (etwa von Ärger in die hohe Konzentration) reduzieren hingegen die Arbeitsleistung, ist er sicher.