Von Humboldt zur Instant-Bildung? Die Ökonomisierung der Universität


Bildungsstandards

Vor rund zehn Jahren traten die ersten Bologna-Reformen in Kraft. Wichtige Argumente zur Einführung der neuen Bildungsabschlüsse nach angelsächsischem Vorbild waren die Verkürzung der Ausbildungszeit einerseits und die Verlängerung der Phase der Berufstätigkeit andererseits. Darüber hinaus sollten die deutschen Abschlüsse im internationalen Maßstab endlich vergleichbar sein. 

Jetzt, wo die Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen die Diplom- und Magisterabschlüsse abgelöst haben, ist niemand so recht mit den Ergebnissen zufrieden. Vertreter der Wirtschaft monieren etwa das fehlende theoretische Rahmen- und Basiswissen vieler Bachelorabsolventen zugunsten einer „vermeintlichen Praxisorientierung“ (Professor Burkhard Schwenker), die sich durch die zunehmende Schnelllebigkeit der Zeiten früh überhole. „Die alten Erfolgsfaktoren sind nicht mehr die Richtigen.“

Bildungsideal

Vor diesem Hintergrund erstrahlt das Humboldt‘sche Bildungsideal, die enge Verzahnung von Forschung und Lehre, in neuem Glanze und erlebt gleichsam eine neue Blüte. Die geringe Akzeptanz des Bachelors in der Wirtschaft und die geringe Wertschätzung des Erstabschlusses bei den Absolventen führen hingegen dazu, dass viele junge Menschen nach dem Erwerb des ersten Abschlusses - anders als intendiert - nicht gleich in den Beruf streben, sondern unmittelbar das Masterstudium in Angriff nehmen. Zudem impliziert die deutlich verschulte Struktur vieler Bachelorstudiengänge eine Veränderung des (Aus-)Bildungsstands. Insbesondere die starke Spezialisierung vieler Studiengänge wird kritisiert. Professor Rolf Tilmes formuliert: „Das Stück Breite in der Bildung fehlt.“ Burkhard Schwenker bemängelt die fehlende breite Debatte in der Bevölkerung über die Bildungsreformen jenseits von Fachzirkeln: „Die Bachelor-Reform war falsch“, fasst er seine Auffassung zusammen.

Selbstorganisation und Denken-Können

Professor Rolf Tilmes weist darauf hin, dass die verschulte Struktur der Bachelorstudiengänge zulasten der Selbstorganisationsfähigkeiten und der Befähigung zum eigenständigen Denken gingen, da nur das Arbeiten in vorgegebenen Arbeitsrastern eingeübt werde. Dabei ist genau dies ein wichtiger Wettbewerbsfaktor bei der Entwicklung in die Wissensgesellschaft. Kurioserweiser behindern die Bolognaabschlüsse, die zwischen unterschiedlichen Hochschulen zum Teil nicht anerkannt sind,  die Mobilität der Studenten. Studienortwechsel sind schwieriger, so dass oft Bachelor und Master an der gleichen Uni belegt werden.

Gesellschaftliche Implikation

Die gewollte Beschleunigung der Ausbildungsgänge, die schon an der Schule beginnt (G8), wirke im Sinne des gesellschaftlichen Gemeinwohls kontraproduktiv, finden Tilmes und Schwenker.  Gefahren bestünden darin, dass eine Generation von Selbstoptimierern und Egoisten heranwächst, die eine Reihe karrierebezogener Kompetenzen erwirbt, sich aber nicht für ihre Mitmenschen und für die Gesellschaft engagiert. Im Blick auf seine eigene schulische Biographie, die Schwenker von einer Volks- über eine Realschule bis ans Gymnasium und dann an die Hochschule führte, findet er dies rückblickend sehr wichtig für ihn und sein Leben. „Wir haben uns politisch engagiert und den Diskurs geführt.“

Durchlässigkeit des Bildungssystems und Staatsversagen

Heutige berufliche Werdegänge ermöglichten durch die längere Berufstätigkeit eine größere Freiheit bei der Berufswahl als früher. „Man hat heute die Chance auf eine zweite, dritte, vierte und sogar fünfte Karriere“, sagt Schwenker.

Die Chancen, diese wahrzunehmen, hat man indes nur mit den entsprechenden Voraussetzungen – also wenn man  an der entsprechenden Bildung teilhaben kann. Daran jedoch hapert es immer mehr. Die Durchlässigkeit des Bildungssystems zum sozialen Aufstieg ist noch immer unterentwickelt, wie Schwenker und Tilmes monieren. „Das ist eine Ungerechtigkeit und ein schwerwiegendes Staatsversagen“, sagt Schwenker. Die Studiengebühren und die Wirkungen des Föderalimus erweisen sich in dem Zusammenhang als zusätzliche Hürden. Schwenker schlägt dazu einige Maßnahmen vor.

Und doch ist es auch die Aufgabe eines jeden Einzelnen, sich um das unschätzbare Gut Bildung zu bemühen. „Das eigene Lernen-Wollen ist die Grundvoraussetzung.“  Die Gesellschaft allerdings muss die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.