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Moralische Skandale erschüttern das Land. Bundespräsidenten stolpern über ungebührliche Vorteilsnahmen, Priester missbrauchen ihre Fürsorgepflicht gegenüber Schutzbefohlenen. Profifußballer, Manager und Banker feilschen um aberwitzige Millionenverträge, -prämien und -abfindungen. Was hat Wert in unserem Land? An wem können sich junge Menschen orientieren? Dies fragen wir Dr. Reinhold Ewald. Er ist ESA-Astronaut, Physiker und Familienvater. Und Nulf Schade-James. Er ist seit mehr als 20 Jahren Pfarrer im Frankfurter Gallus, einem Stadtteil, in dem jeder zweite familiäre Wurzeln außerhalb von Deutschland hat und 40 Prozent der Menschen jünger sind als 18 Jahre. Seine Gemeinde ist für die vielen Kinder und Jugendlichen des Stadtteils eine Anlaufstelle.


Frage von Thomas VölkerHerr Dr. Ewald, was genau hat Sie damals an Günter Netzer begeistert, warum wurde gerade er zu Ihrem Vorbild? Was unterscheidet die Fußballidole von damals zu unseren heutigen Stars? Diese nehmen leider selten eine Vorbildfunktion ein, bzw. ihre Vorbildfunktion wahr. Wie beurteilen Sie das? ANTWORT:
Dr. Reinhold Ewald: Günter Netzer war zu allererst ein sehr guter Fußballspieler, dazu brauchte man ihn als Mensch und Mit-Mönchengladbacher nicht weiter zu kennen. Er konnte ein Spiel buchstäblich an sich reißen und, wenn es mal schlecht für die Borussia lief, entweder selbst die Wende herbeiführen oder zumindest die anderen mitreißen (wie sonst noch Berti Vogts, aber nicht so elegant, oder Rainer Bonhoff). Damit war er für mich, der ich den Borussen Erfolg wünschte, ein Hoffnungsträger bei einem schlecht laufenden Spiel und eine Augenweide bei einem genialen Pass.
Seine Extravaganz in Kleidung, Haartracht und Accessoires hob ihn aus der Mönchengladbacher Umgebung heraus. Natürlich habe ich nicht seinetwegen schwarze Rollkragenpullis getragen, aber Günter Netzers Unkonventionalität („Rebell am Ball“) war schon bemerkenswert und stand in Verbindung mit seinem Erfolg auf dem Platz. Übrigens auch mit seinen Misserfolgen, wenn es um die Führung der Nationalmannschaft ging.
Der Unterschied zu heute ist sicherlich riesengroß im Geld, das schon leidlich begabte junge Fußballspieler zugesteckt bekommen, aber nicht so groß in den Charakteristika. Mit nur behaupteter statt bewiesener Leistung für die Mannschaft ist der Sturz vom Idol zum Buhmann programmiert. Fußballer wie Marco Reuss oder Thomas Müller stehen weniger für vom Himmel gefallene Genialität als vielmehr für Freude am Spiel und am Erfolg, und für Konstanz im Einsatz, die sie sich durch Fleiß in den Fußballschulen, Beharrlichkeit und gute Beratung erworben haben. Wenn nur eines dieser Elemente fehlt, ist heutzutage ein 18-jähriges Fußballtalent mit der Promi-Situation überfordert und schnell verbraucht.
Den Glamour-Teil übernehmen ja heute die Spielerfrauen, aber das ist ein anderes Thema.

Frage von Amelie NepomukWie vereinen Sie Ihren Glauben und die Wissenschaft? Nicht selten schließt der Glaube die Wissenschaft aus und umgekehrt. ANTWORT:
Dr. Reinhold Ewald: Wenn ich als Physiker und Astronom versuche, die Welt bis an ihren Anfang zu durchdenken, muss ich als Christ natürlich passen und das Bild des bärtigen Welterschaffers durch Formeln und Messungen ersetzen. Aber in zahlreichen Diskursen, wie z.B. beim Besuch von Johannes Paul II. im Kölner Dom im November 1980, den ich als Student miterlebt habe, sind mir ja von berufener Seite und zufriedenstellend die Wissenschaft, inklusive der Philosophie und der wissenschaftlichen Theologie, und der Glaube als nicht gegensätzliche Sphären erklärt worden.
Als Probe aufs Exempel wäre aber meine erste Frage an einen Alien nicht technischer Art (wie bist Du hergekommen?), sondern vielmehr die nach seinem (religiösen) Weltverständnis.

Frage von Emanuel ConnerBraucht man für eine erfolgreiche berufliche Karriere Vorbilder, an denen man sich orientieren kann? ANTWORT:
Dr. Reinhold Ewald: Ja, und die nach ethisch positiven und gesellschaftlich nützlichen Standards erfolgreichen Vorbilder sind allemal besser als die abschreckenden. Das kann der fleißige Meister sein, der als Erster kommt und als Letzter geht, genauso wie die Eltern, die Schullehrerin, der Doktorvater oder eben der Astronaut/die Astronautin. Auch den Erfolg von Ungewöhnlichkeit (siehe oben unter -> G. Netzer) kann man sich abschauen und versuchen, aus dem Trott herauszudenken. Ein Vorbild kopieren zu wollen ist allerdings etwas, dass nach meiner Meinung nicht von Erfolg gekrönt wird. Ein Vorbild anzuschauen, in den Erfolgselementen zu durchschauen und in den positiv befundenen Elementen im eigenen Leben zu beherzigen ist dagegen sinnvoll.

Frage von Therese ZuckermannBraucht man für eine erfolgreiche berufliche Karriere Vorbilder an denen man sich orientieren kann? ANTWORT:
Nulf Schade-James: Ja, wir brauchen Menschen an denen wir uns orientieren können. Wir brauchen Vorbilder, an die wir uns anlehnen dürfen, zuerst. Ob das schon für eine erfolgreiche Karriere reicht, wage ich zu bezweifeln. In meinem Beruf braucht es vor allem eines: Die Liebe und den Respekt zu den Menschen und zu Gott. Ein Pfarrer/Pfarrerin, der die Menschen nicht liebt kann in diesem Beruf nicht erfolgreich arbeiten. Denn die Menschen spüren genau ob es echt und authentisch gemeint ist.
Wenn wir uns überlegen, welche bekannte Person für unsere Kinder und Jugendlichen ein Vorbild sein könnte, dann müssen wir oft lange suchen. Viele unter uns sind enttäuscht von denen, die Verantwortung tragen. Wir haben oft das Gefühl, dass sie ihre Macht missbrauchen und ihre Führungsposition nicht so nutzen, wie wir uns das wünschen würden.
Ich wünsche mir deshalb, dass Gott auch in unserem Leben sichtbar und erfahrbar wird. Dass wir erleben können, dass Gott lebendig wird und unter uns wohnt. Und diese Lebendigkeit kann nur durch uns in die Welt gebracht werden.

Frage von Anton GerberSollte die Kirche ihre gesellschaftliche Vorbildfunktion in der heutigen Zeit überdenken? Wie kann die Kirche nach den vielen Skandalen eine glaubwürdige Vorbildfunktion einnehmen? ANTWORT:
Nulf Schade-James: In dem sie öffentlich die Schuld bekennt und eingesteht, dass sie versagt hat. Glaubwürdig erscheint sie nur dort, wo sie ohne „Wenn und Aber“ ihre Schuld eingesteht und um Vergebung bittet.
Die Evangelische Kirche z. B. hat dies verstanden, damals im Oktober 1945 als sie gemeinsam das Stuttgarter Schuldbekenntnis formulierte: „...Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben...“
Solch ein Schuldbekenntnis erwarte ich z.B. auch von einer Kirche, die mit dazu beigetragen hat, dass homosexuelle Frauen und Männer auf dieser Welt immer noch geächtet, verachtet und sogar ermordet werden. Ich erwarte, dass Frauen und Männer, die sich in die Nachfolge Jesu begeben, nicht Wasser predigen und Wein trinken, sondern mutig ihre Stimme erheben für eine bessere Welt, für ein Reich, in dem der liebende und den Menschen zugewandte Gott eine Stimme hat.

Frage von Amelie NepomukWie ist Ihre persönliche Einstellung zur Wissenschaft? Und wie vereinen Sie diese mit Ihrem Glauben? Nicht selten schließt der Glaube die Wissenschaft aus und umgekehrt. ANTWORT:
Nulf Schade-James: Solange Wissenschaft dem Leben dient, solange kann ich gut mit ihr leben. Denn überall dort, wo sie sich einsetzt für die Bewahrung der Schöpfung, für Frieden und Gerechtigkeit, dafür, dass Leben gefördert wird, so lange kann ich mit der Wissenschaft Hand in Hand gehen. Allerdings - überall dort, wo sie nur dem Profit dient, dem Krieg und der Zerstörung der Welt, Pflanzen, Tiere und nicht zuletzt des Menschen, überall dort ist Wissenschaft wirklich des Teufels Werk.
Natürlich ist mir auch bewusst, dass gewisse wissenschaftliche Untersuchen im Gegensatz zum biblischen Verständnis stehen. Wenn ich mit Konfirmandinnen und Konfirmanden über das Thema Schöpfung rede, dann sage ich ihnen:
Der Urknall vermag die Entstehung des Universums erstaunlich genau und wissenschaftlich zu beschreiben, kann aber keine Auskunft darüber geben, was den Urknall bewirkte.

5 DISKUSSIONSBEITRÄGE

robert reiser, 29.11.12, 15:28 Uhr
Astronauten, die an Gott glauben sind selten. Er hat
taktisch gut argumentiert - glaube ihm das alles jedoch
nicht ganz.

Anni Geller, 29.11.12, 15:24 Uhr
Mein Vorbild war Romy Schneider. Ich bin jedoch kein
Schauspieler, aber sie hat mich inspiriert. Ich glaube,
wir haben alle Vorbilder, die nicht aus dem engeren
Familienkreis kommen. Menschen werden heute schnell zu
Vorbildern und sind sich Ihrer Verantwortung nicht
bewusst.

Tim Geller, 27.11.12, 16:26 Uhr
Wann gehts los?

Nils Nolte, 22.11.12, 13:30 Uhr
Jeder hat Vorbilder - mit Sicherheit jedoch keine
Politiker! "Sternchen" sind für Jugendliche Idole. Die
Mediengesellschaft zeichnet sich jedoch durch Schall
und Rauch aus - wer dort mitspielt, kann kaum Vorbild
sein, daher werden dort die falschen Werte vermittelt.

Lea Schmidt, 22.11.12, 10:02 Uhr
Theologe und Astronat, das sind zwei schöne
Gegensätze!