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Die unaufhaltsam erscheinende digitale Wandlung der Welt ändert nicht nur die Art , Medien zu nutzen, sondern dringt tief in unsere Alltagskultur ein. Wir wollen wissen, wie tief. Wie entwickeln sich bei der Allgegenwärtigkeit des Internets die Wirtschafts- und Arbeitsweisen?

Wird die Welt der Zukunft nur digital sein und alle analogen Elemente auslöschen? Welche Chancen und welche Gefahren sind zu beachten? Dies fragen wir Prof. Gunter Dueck, den früheren Technologievorstand von IBM Deutschland und Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs.


Frage von Hanno TietgensWelche Rolle werden Avatare als digitale Stellvertreter und Interaktions-Interfaces beim Lernen und Arbeiten in virtuellen Räumen spielen: in statischer Form, z.B. als Nickname oder Profilfoto; als 2D-Bewegtbild, z.B. in Videochats und Hangouts; als 3D-Figur, z.B. in Computer-generierten Lern- und Arbeitswelten? ANTWORT:
Prof. Gunter Dueck: Ich kann mir vorstellen, wie viel schöner Internetkommunikation mit lebensechten Avataren sein könnte. Leider ist die Infrastruktur schwer herzustellen. Man braucht ja Standards, so wie das jpeg Format für Bilder. Wo bekommen wir die her? Außerdem können wir ja bald überall quasi Videotelefonie haben – es ist also die Frage, ob die Lösungen über Avatare je kommen.

Frage von Henry PaulWorin konkret liegt der Vorteil in der digitalen Brötchenbestellung im Flieger?
Warum muss ich ein neues Gerät kaufen, um Bücher lesen zu wollen?
ANTWORT:
Prof. Gunter Dueck: Ich bin neulich von Stuttgart nach Bremen geflogen. Linienflug, 35 Euro, davon ist die Hälfte Flughafengebühr etc., der Flug allein kostet 13,51 Euro. Wenn Sie ein Brötchen mit Kaffee im Flughafen bestellen, kostet das etwa 7 Euro. Also? Sorry, einfach ein Gratis-Brötchen ist nicht mehr drin. Rechnen Sie nach. Seien Sie dankbar, dass es bei Internetbestellung nicht mehr kostet als am Boden. Diese Rechnung können Sie auch bei anderen Flügen anstellen, da ist sie nicht so schlagend, ich weiß. Warum freuen wir uns nicht, dass wir so kostengünstig überall hinkommen? Zur Ökonomie: Wenn es Brötchen nicht mehr umsonst gibt, wollen vielleicht nur noch so zehn Fluggäste pro Flug ein Brötchen. Da es vielleicht vier verschiedene Beläge gibt (Auswahl wollen wir doch??), ist es vor dem Flug absolut nicht abzusehen, welche Brötchen verlangt werden. Deshalb muss man sie eben im Internet bestellen.
Bücher: Es gibt eBook Reader als Software für jeden PC, Sie müssen nichts neu kaufen. Aus Ihrer Frage schimmert eine gewisse Ungehaltenheit heraus. Wenn das so ist, ist sie unfair. Der Markt ist ganz jung, wird noch von Papierfreaks bekämpft und weithin belacht. In ein paar Jahren ist alles ganz easy.

Frage von Woernhart JohannWie bedeutend für die Gesellschaft und ihre Entwicklung sind sog. „social networks“? ANTWORT:
prof. Gunter Dueck: Diese Frage ist zu schwer… Diese Social Networks gibt es erst seit ganz kurzer Zeit. Sie stellen auch immer erst einmal Moden dar, so wie davor die Auffassung, dass jeder Mensch im Netz bloggen müsste (es kann aber doch kaum jemand interessant schreiben, so dass es viele lesen). Ich bemühe gerne folgendes Bild: Diese neue Netz-Ideen sind so etwas wie neu entdeckte Reisefernziele erster Rucksacktouristen („Nepal“). Da fürchten sich aber alle Normalen! „Das Essen ist seltsam, man bekommt Infektionen, es gibt keine Toiletten, man muss Angst vor Dieben haben.“ Zwanzig Jahre später gibt es Neckermann-Hotels und wegen Geschmacklosigkeit garantiert keimfreie Hamburger, dann kommen Normal-Touris in Billigfliegern, dann ist „Nepal“ endlich normal und pauschalfähig. Da aber versuchen sich die „echten Touristen“ schon wieder an der Antarktis oder am Mond… So vollzieht sich das mit Facebook auch. Mit allem! Ich will sagen: In der Anfangszeit ist das Neue von Idealisten, Besessenen, Verrückten, Kreativen, Outlaws, Trappern bevölkert. Darüber lachen die Normalen von weitem. Wenn dort wirklich etwas zu finden ist, kommen Goldsucher, Erfinder, Innovatoren, Pfandleiher und dann bald auch die Betrüger und Rotlichtbezirke. Das verabscheuen die Normalen, es macht ihnen Angst. Wenn es aber dort Bratwurstbuden und Gesetze gibt, machen sie das neue Land wieder so sturznormal wie alles andere auch. Das alles vollzieht sich jetzt im Internet.

Frage von Gabriele GrassWie weit geht die Anpassung des Menschen an die Arbeitswelt? Ist es nicht humaner die Arbeitswelt an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen? Was wird mit den Menschen, die nur begrenzte Fähigkeiten haben? ANTWORT:
Prof. Gunter Dueck: Natürlich ist es humaner, die Arbeitswelt an den Menschen anzupassen. Das geschieht auch! Aber nur in Zeiten der Prosperität. Denken Sie an die Absenkungen der Wochenarbeitszeiten von 48 Stunden auf 35 Stunden im letzten Jahrhundert. In guten Zeiten lassen wir es uns gutgehen, da kämpfen auch die Gewerkschaften für Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen. Wenn es dagegen schlechter läuft, so wie jetzt in dieser Zeit des Outsourcings nach „Asien“, dann raffen alle dazu Fähigen all die knappe Arbeit an sich, arbeiten bis zum Burnout und nehmen die Arbeit den anderen möglichst weg. So gibt es „Gewinner“ (diese erhalten unter Stress ihr früheres Wohlstandsniveau bei, obwohl alles schlechter wird) und Verlierer, die arbeitslos oder prekär werden. Genau das verursacht die „Schere“ zwischen Arm und Reich: Die fähigen Leute nehmen durch Überstunden denen, die begrenzte Fähigkeiten haben, die knapper werdende Arbeit weg, um nichts einzubüßen. GLEICHZEITIG machen sich genau diese Fähigen – so wie Sie – Sorgen um diese Verlierer, die sie aber doch erzeugen… Was wäre eine Antwort? Die Fähigen lassen es zu, dass es auch ihnen schlechter geht, wenn es insgesamt schlechter geht.

Frage von Horst KaemmerlingIch wünschte mir differenziertere Antworten, ob durch die Digitalisierung Arbeit in Summe verloren geht oder erhalten bleibt. Wo kommen bei zunehmender Produktivität und entsprechend härterer Konkurrenz die Geldflüsse her, in Summe mehr zu konsumieren, um die Nachfrage nach Arbeit zu erhalten? Der Hinweis auf die pflegebedürftigen Alten setzt entsprechende Finanzleistungen voraus, die ich nicht sehen kann. (Außerdem: auch hier wird rationalisiert.) Und wo kommen die Ressourcen her, um solche Produktivitätssteigerungen zu ermöglichen? Aber wenn wir weniger konsumieren, wo sollen Massen von Menschen beschäftigt werden? Der Niedriglohn führt aus diesem Dilemma nicht heraus. ANTWORT:
Prof. Gunter Dueck: China wird mehr und mehr zum Weltmotor, alle brauchen dort noch Häuser und Infrastrukturen. Die Löhne steigen dort an (jedes Jahr so 15 Prozent), der Exodus der Arbeitsplätze hier bei uns hört auf. Das Internet hat dazu geführt, dass sich die sozialen Unterschiede in der Welt einebnen können. Das ist christlich gesehen gut, aber es führt dazu, dass es uns eine Zeit lang schlechter geht, eben weil wir abgeben, während die anderen gewinnen. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir unser Land gestalten wollen, wenn wir diese Delle des Einebnungsprozesses hinter uns haben. Ich schlage ja schon immer vor, Deutschlands Umbau zum Innovationsland in Solar-, Bio-, Medizin-, Gen-, Internet-, 3D-Print-, Nano- etc etc. Technologie voranzutreiben. Weg von Standardprodukten! Der süddeutsche Mittelstandsmaschinenbau macht es vor. Genau: rationalisieren hilft nicht. Weil wir uns „radikal verrannt“ haben, hilft auch nur wieder eine radikale Wende. Das Radikale dieser notwendigen Wende ist nicht so eine polare stolze Idee von mir, sondern das Radikale ist notwendig, weil das Kostensenken unter der Shareholder-Value Doktrin so radikal falsch war.

6 DISKUSSIONSBEITRÄGE

Hartmut Beckerat, 13.12.12, 16:42 Uhr
Interessant, in den Kommentaren kristalisiert sich doch
ganz klar heraus, welche Wert und Glauben jeder hat,
und das der menschliche Wert verloren geht und man sich
blind an die Technik und Wissenschaft verkauft, weil
geistige Werte ganz einfach ignoriert oder verworfen
werden, man macht uns so blind damit wir alle auf die
menschliche Zerstörung hinreisen, wenn GOTT da nicht
eingreift, sind wir doch bald von diesen Planet
verschwunden. ARMES DEUTSCHLAND, ARME WELT: MADE IN
EARTH, DURABILITY of Humanität TO DATE: 2037? Gruss
aus EL SALVADOR, Mittelamerika

Heiko Göckel, 13.12.12, 09:10 Uhr
Ich habe als Kind in der Bach gespielt und die Forellen
mit der Hand gefangen, das ist aus heutiger Sicht
gesehen nicht lange her, ich werde nächstes Jahr 40.
Ich bin schon lange ohne Beschäftigung, daher habe ich
auch viel Zeit mich mit solchen Themen zu befassen.
Kurz gesagt geht das alles zu schnell mit der
Digitalisierung der Welt. Ich habe Angst davor auch
Angst vor dieser Gesellschaft. Ich finde das komplett
falsch was hier läuft und um das zu sagen brauche ich
kein Fachwissen sondern einfach gesunden ausgeprägten
Menschenverstand. Für die Digitalisierung wird immer
mehr Energie benötigt und die ist jetzt schon teuer
genug und wird im kommenden Jahr noch teurer.
Unternehmen werden entlastet und der Verbraucher
belastet. Es wird auch nicht mehr lange dauern bis
dieses Zeitalter zu Ende ist. Wir werden das noch
erleben. Die Gesellschaft und das Zeitalter passen
nicht zueinander. Die Gesellsch

Heiko Göckel, 13.12.12, 08:52 Uhr
Ich schliesse mich hier ebenfalls an, auch wenn ich nur
Einzelhandelskaufmann bin. Zur aktuellen Sendung sage
ich nur, zwei erwachsene Kinder die in ihrer Kindheit
zu viel Atari, Märklin oder Dmpfmaschine gespielt
haben.

Henry Paul, 05.12.12, 17:18 Uhr
Als Ing, Betriebswirtschaftler, intern. Mgr und jetzt
Künstler verstehe ich die Versuche zur vollkommenen
Digitalisierung als monopolistische Anstrengung einer
megalomanen Industrie, ihren Umsatz immer weiter aus zu
bauen und selbst die Möglichkeit der
Total-Digitalisierung hinzunehmen, selbst im
Bewusstsein, das dann "menschliches" Zusammenwirken
nicht mehr möglich sein wird. All das, was Menschen
ausmacht, wird durch die Digitalisierung verbogen,
verboten, geächtet, als vorgestrig behandelt und im
Gegenzug wird alles Digitale überhöht und beklatscht,
obwohl es nur die Unvollkommenheit des menschlichen
ist.

Hanno Tietgens, 05.12.12, 15:19 Uhr
Da schließ ich mich an. Ich freue mich darauf!

Sebastian Ullrich, 29.11.12, 15:30 Uhr
Das ist mal ein richtig geniales Thema!!